Drei Tage Amsterdam. Land rot machen! Nun gut, in meinem Fall war es dann doch eher leichtblasszartrosa, aber immerhin!
Amsterdam. Amsterdam ist Tulpen, Holzschuhe und Käse. Aber sind da nicht auch Drogen, Stundenhotels, argwöhnische Zuhälter und Freier? Kann man denn da tatsächlich cachen gehen? Ein Blick auf die Landkarte zeigte mir neben etlichen blauen Fragezeichen auch ein paar Multis und Tradis an. Natürlich ist in unmittelbarere Nähe zum Kongresszentrum, wo ich mich die kommenden drei Tage vornehmlich aufhalten werde, ein großer, weisser Fleck auf der Karte. Trotzdem habe ich mir eine passende PocketQuery gezogen und mit den zugehörigen Offline-Karten versehen. Ein paar kurze Stichproben ergeben, daß viele der Listings zweisprachig geführt werden. Das ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, denn was bringt mir die beste PocketQuery, wenn die Stationen und Aufgaben eines in der Nähe liegenden Multis nur in nieder-/holländisch geschrieben sind? Ob ich besser noch ein analoges Backup anfertigen sollte? So wie damals? So richtig mit Papier und Stift, Karten und kleinen Anmerkungen zwischen und über den Zeilen? Hach ja, früher(tm). Keine Zeit. Ich vertraue auf den grenzüberschreitenden, technologischen Fortschritt, packe aber zum iPhone doch noch das Garmin und eine Packung Akkus ein. Ich hätte sie vorher noch laden sollen, fällt mir unterwegs ein und so stecke ich sie noch schnell in das Ladegerät in der Firma – in dem ich sie dann auch in der Hektik die entsteht, als das bestellte Taxi vor der Tür steht, vergesse.
Auf nach Amsterdam! Wir landen schon nach knapp 1,5 Stunden in Schipohl und wie viele, aber nicht alle Fluggäste, schalte ich nach der Landung mein Telefon wieder ein. Netzsuche. “Welkom bij Nederlands” schreit mich das PopUp auf dem Display an und instruiert mich sogleich, wie ich mein Datenroaming einschalte. Ein zweites, kleineres PopUp erwähnt in einem knappen Nebensatz, daß weitere Kosten anfallen können. Gut, daß ich wenigstens die PQ mit ihren Offlinekarten dabei habe. Munzee meckert herum, daß ich nicht online bin und auch die kleine LED in der Geocaching-App drückt sich rot und verschämt in der Ecke herum.
Es ist kalt. Es ist so kalt, daß sich fast ausnahmslos alle in ihre Mäntel, Schals, Tücher oder Rollkragenpullover schildkrötengleich zurückziehen und trampelnd oder jammernd, manchmal sogar beides zugleich, auf den Bus oder ähnliches warten. So schenkte uns wohl niemand sonderlich viel Aufmerksamkeit, als wir direkt am Hauptbahnhof zwischen den Tram-Bahnsteigen die Filmdose hervorzaubern, signieren und wieder versenken. Tagesziel geschafft! Mein Muggelchef, mit dem ich die Dienstreise angetreten habe scheint zufrieden, denn nun habe ich nichts dagegen irgendetwas von den Dingen zu unternehmen, die auf seinem Zettel stehen. Er versteht zwar nicht wirklich, was ich da mache, redet von Geo-tagging und Kaschen und versichert mir glaubhaft, wenngleich er auch in die Zielgruppe “technikaffin, männlich, über 35″ passt, daß er da selber nicht aktiv bei mitmachen werde.
Da er bereits letztes Jahr auf der Fachmesse war und sich daher amsterdamerfahren gibt, schleift er mich gleich in die engen Gassen. Ich müsse unbedingt eine dieser leckeren Frikandel essen. Na gut. Frikandel – zumindest die, die mir vorgesetzt wurde – sind also hochkulinarisch gesunde, Wurstförmige Fleischrestemehlrollen, die so lange in der heissen Friteuse ertränkt werden, bis sie zu einem bräunlichschwarzen Klumpen zusammengeschrumpft sind. Vielleicht haben die aber auch vorher schon so ausgesehen. Und unbedingt muss ich einen dieser ungleich essenswerten flachgedrückten, panierten, im selben Frittenfett ertränkten, namenlosen pseudokäseähnlichen Taschen essen. So meinte zumindest der “Koch” hinter dem Tresen. Natürlich mit viel Mayo. Mit sehr viel Mayo. Ich spüle den Graus mit einem ordentlichen Schluck Amstel-Pils hinunter und hoffe, daß das Zeug auch unten bleibt. GAC12? Naja, vielleicht hab ich in der Hinsicht Glück und das Zeug bleibt doch nicht da, wo es momentan ist.
Zur Fachmesse gehört natürlich, daß man an jedem Stand Kekse, Gummibärchen mit Werbeaufdruck, Softdrinks, Kekse, Kugelschreiber, Kekse und ab 16:00 Uhr nur noch und ausschließlich Bier bekommt. Zum Glück haben die meissten deutschen Aussteller mitgedacht und eigenes Bier importiert. Zum ersten Ausstellungsabend gehört auch, daß man sich auf irgendeine der vielen Messepartys einläd. Und natürlich, daß immer versucht wird, die bessere Party zu geben. Aber ehrlich gesagt gibt es dort nur _eine_ nennenswerte Party und auf genau diese habe ich uns früh genug einladen lassen. Der niederländische Hersteller spielt seinen Heimvorteil gnadenlos aus. Möglicherweise kommt noch dazu, daß das Budget für die Party jedes Jahr größer wird und in diesem Jahr bei satten 1,5 Millionen Euro liegt. Apropos satt: Auf den vier Etagen im Passenger-Terminal des amsterdamer Hafen futter ich mich durch alle dort bekochten Kontinente. Asien, Indien, Amerika und Finger-Food aus den Niederlande. Es ist lecker und nach den ersten kleinen Bedenken werfe ich diese über Bord. Ich muss nicht hungern und ich will auch nicht hungern. Abnehmen, bzw ein paar Punkte für die GAC12 einheimsen kann ich später auch noch.
Tag2: vergeht wie im Fluge. Ungesundes, amsterdamer lebensmittelähnliches Messe-Essen wird mir gereicht. Das oder nichts. Wird hier eigentlich alles vorher noch in die Friteuse geworfen? Ich entscheide mich für “nichts” – allerdings mehr aus Geiz, nicht aus Angst um gewonnene Kilos. Ich frage mich, wie man freiwillig so ein Zeug in sich hineinstopfen kann. Mein Chef kann.
Tag3: Es ist tatsächlich noch kälter als gestern, das WLAN auf der Messe ist kostenpflichtig und Dosen liegen auch keine in der Nähe. Dafür verspricht mir mein Muggelchef diesen Tag auf der Messe ausfallen zu lassen und dafür für unsere Chefmuggel daheim, ein paar amsterdamer Souvenirs zu ergattern. Ich brauche keine Stadtkarte um zu wissen, wohin ich in Amsterdam gehen muss. Trotzdem halte ich vorsichtshalber einen dieser Gratis-Stadtpläne in der Hand um mich zum Einen als Tourist auszuweisen und um zum Anderen immer mal wieder heimlich auf den Pfeil zu linsen. Mein Chef ist begeistert, daß ich, im Gegensatz zu ihm, die Orientierung nicht verliere. “Warte mal bitte, ich muss mal eben hier links abbiegen” sage ich zu ihm und mache einen Schritt in eine leere und völlig uninteressante Gasse hinein. Verständnislose Blicke seinerseits. Ich mag urbanes cachen nicht sonderlich, insbesondere, wenn man den Leuten beim Suchen direkt ins Wohn-/Schlaf-/Esszimmer gucken kann, was anscheinend bei jeder dieser gardinenlosen Erdgeschosswohnung in Amsterdam der Fall zu sein scheint. Leichtes Fehmarnfeeling stellt sich bei mir ein. Zumindest das, was ich darunter verstehe. Ein unangenehmer Schauer überkommt mich. Bin ich tatsächlich so geworden? Früher(tm) hätte ich mich wohl nicht getraut, die Dose verschämt links liegen gelassen, vielleicht eine note, ein DNF oder auch gar nichts geloggt. Zwei Sterne mehr wegen erhöhtem Muggelalarm? Interessiert das heute noch jemanden? Nachdem Geocaching mehr und mehr ins Rampenlicht gezerrt wurde, Sommerlöcher damit gestopft und das Thema bis in kleinste ausgeschlachtet wurde, jedes aktuelle mobile Endgerät irgendwo einen GPSr verbaut hat und selbst der ahnungsloseste Muggel leider von freudigen Geocachern detailliert über das Hobby Geocaching aufgeklärt wird. Nach mir die Sintflut? Nein, Danke. Das muss nun wirklich nicht sein. Auch nicht bei dieser 1/1er Dose. Angenehmerweise sind aber weit und breit keine Muggel zu sehen. Möglicherweise liegt es am Wetter oder vielleicht auch daran, dass die Dose hier seit ihrer Veröffentlichung auf gc.com breits über 1450 Besucher gesehen hat. Aber es ist tatsächlich keine lieblos hingeworfene Filmdose mit nassem, zusammengeknülltem Not-Logstreifen an einem Strassenschild. Mitten in Amsterdam eine so herrlich liebevoll, aufwändig gemachte Dose! Das habe ich nicht erwartet. Selbst mein Chef ist begeistert, als er mir über die Schulter linst, während ich mich ins Logbuch eintrage und Trackables tausche. Beim Fieldnote absetzen bemerke ich, daß sich mein Favoritenpunkt zu 155 anderen dazugesellt hat.
Amsterdam. Amsterdam ist Tulpen, Holzschuhe und Käse. Und Dosen.




