Reaktor hautnah – ein strahlendes Event

Als ich eines Dienstag Abends aus dem wöchentlichen Schwimmen gekommen bin und meine Mails durchgesehen habe, habe ich auf dem Heimweg noch den Publish des Events “FRM II – Reaktor hautnah (GC3BDR3)” gesehen. Nach einem kurzen Telefonat mit einem befreundeten Cacher stand es fest: Wir gehen hin. Sogleich das Will attend-Log abgesetzt und richtig Glück gehabt, denn nach mir wurde die Warteliste eröffnet. Zwei Tage vor Abgabe der Liste, die nötig ist und auf der alle Teilnehmer unterzeichnen müssen, konnten auch wir endlich unsere Namen darauf verewigen. Die lange Prozedur mit dem Unterzeichnen der wichtigen Liste will ich euch an dieser Stelle ersparen. Für alle Interessierten ist alles in den Logs nachzulesen.

Zuerst sei erwähnt, dass der Forschungsreaktor in Garching nicht für eine industrielle Produktion von Strom eingesetzt wird, sondern für die Forschung mit Neutronen dient. Der Reaktor steht hierbei nicht unter Druck uns es kann maximal eine Nennleistung von 20 MW erreicht werden. Industriell genutzte Kernkraftwerke arbeiten unter Druck und besitzen eine Nennleistung von mehreren Gigawatt. Schwerwiegende Unfälle sind dadurch so gut wie ausgeschlossen.

Gestern kam endlich der Tag, an dem wir den Forschungsreaktor besichtigen durften. Punkt 14.30 Uhr marschierten 16 wagemutige Cacher durch die erste – schnelle – Drehtüre hinein ins Besucherzentrum. Dort wurden wir begrüßt und uns alles nähere erläutert. Die zweite Drehtüre, schon etwas langsamer und elektronisch gesteuert, auch besser bekannt als Vereinzeler, brachte uns wieder nach draußen. Der Weg vom Besucherzentrum zum Eingang des Forschungsreaktorgebäudes war gesäumt von blau beleuchteten Stelen – eine Kunst, deren Errichtung Voraussetung beim Bau des FRM II war (1% der Bausumme muss in Kunst investiert werden).

Dann ging es endlich in das Gebäude selbst, in dem die Sicherheitsvorkehrungen schlagartig erhöht wurden. Mit schicken blauen Überschuhen und einem Dosimeter wurde jeder einzeln kontrolliert, vergleichbar mit der Personenkontrolle am Flughafen. Dann eine Durchsage:

“Der Reaktor wird jetzt hochgefahren!”

Durch eine Schleuse betraten wir zuerst den Experimentierbereich. Mehrere Versuchsanlagen mit toll klingenden Namen wie “Heidi”, “Nepomuc”, “Panda” oder “TOFTOF” sind dort in einem Halbkreis um den Reaktorkern angeordnet. Jede Versuchsanlage wird über ein eigenes Strahlrohr mit kalten (langsamen) oder heißen (schnellen) Neutronen versorgt, die pingpongartig durch das Rohr gleiten (bei einem Einfallswinkel von <1° werden die Neutronen an der Rohrwand im gleichen Winkel reflektiert). Wieder eine Durchsage:

“Reaktorleistung bei 100 Watt!”

Von der Versuchsanlage trennte uns nur eine Wand aus etwa 10cm dickem, recyceltem Kunststoff und einer etwa 2cm dicken Bleischicht. Ja, Kunststoff kann Neutronen abhalten, hätte ich auch nicht gedacht. Was aber am meisten verblüffte war der etwa 30cm starke Boden aus dunklem afrikanischem Granit, der durch seinen feinen Schliff  blitzend glänzte.

“Reaktorleistung bei 500 Watt!”

Beim weiteren Durchqueren der Experimentierhalle trafen wir am Ende auf die schon angesprochene “Heidi”, eine Einrichtung zur Bestrahlung von Krebspatienten. Durch direkten Beschuss der Krebszellen mit Neutronen werden diese ohne operative Eingriffe zerstört. Bei Patienten mit einer niedrigen Lebenserwartungsdauer kann diese erheblich gesteigert werden.

“Reaktorleistung bei 1 Megawatt!”

Dann verließen wir die Experimentierhalle, ließen uns am Hand- und Fußmonitor auf mitgeschleppte atomare Substanzen untersuchen und gelangten über eine Schleuse wieder nach draußen, wo wir unter den strengen Augen der Sicherheitsleute den nächsten Bereich betraten – den Besucherraum über der Reaktorhalle, von dem aus man einen Blick in das Reaktorbecken hat. Auf der gegenüberliegenden Seite sahen wir auf einer Anzeige die steigende Reaktorleistung. Nach weiteren Erklärungen verließen wir auch diesen Bereich und kehrten zurück zum Ausgangspunkt. Endlich konnten wir uns der blauen Überschuhe und des Dosimeters entledigen, der für unseren Aufenthalt eine Gesamtaufnahme von o,1µSv Gammastrahlung gemessen hat.

Leider war das Fotografieren während des Aufenthaltes im Reaktorgebäude nicht erlaubt, sodass es zum Schluss nur ein Gruppenfoto der “strahlenden” Teilnehmer vor dem Gebäude gab.

Gruppenbild

Im Hintergrund ist ein weiterer Teil der Kunsteinrichtungen  – “Brennstäbe” in einem Glasquader – und der alte Forschungsreaktor FRM I – auch bekannt als das “Garchinger Ei” – zu sehen.

Noch einige lustige Momente:

  • Hinweis auf dem Sicherheitsblatt: “Personenbezogene Dosen werden archiviert.”
  • Einer der Führer auf die Frage, ob man denn den Kopf einer Frau mit Neutronen durchleuchten könne: “Durchleuchten können Sie ihn schon, Sie werden da aber nichts sehen.”

One Response to Reaktor hautnah – ein strahlendes Event

  1. Mama Muh Mama Muh

    Dein Bericht erinnert mich an meinen Besuch des Forschungsreaktors in Geesthacht mit dem Physikleistungskurs – eine gefühlte Ewigkeit her… . Dort gab es Brennstäbe in einem Wasserbassin zu bewundern, auch schön blau leuchtendes Ambiente. Die Lust auf Badefreuden liess sich aber durch die vielen Sicherheitsmaßnahmen gut unterdrücken. Ich hoffe sehr, daß wir fehlerbehafteten Menschen es bald schaffen auf diese risikoreiche Technik zu verzichten.